Start – Fleischextrakt und Liebigbilder
Erfinderin der Sammelbilder als Produktbeilage war die Firma Liebig Fleischextrakt in London. Seit 1872 vertrieb sie von Paris, später von Antwerpen aus ihre Liebigbilder-Serien in fünfzehn europäischen Ländern. Bis 1940 wurden in Deutschland 1.138 Serien ausgegeben, insgesamt erschienen 1.871 Serien in zwölf Sprachen.
Hergestellt wurden die 7 x 11 cm großen Bilder als Chromolithographie. Dabei wurden zwölf Farben nacheinander auf einen glatten Karton gedruckt und mit Gold- oder Silberaufdruck ergänzt. Ergebnis war eine brillante Farbwiedergabe. Die Steindruckschnellpresse erlaubte eine Auflage von 500 Abzügen pro Stunde. Jede Serie umfasste entsprechend der Größe eines Lithographiesteins sechs Bilder: das entsprach genau der Größe eines Steins. Liebig hielt an dem Verfahren auch noch fest, als andere Firmen mit ihren Sammelbildern längst auf kostengünstigere Drucktechniken umgestiegen waren. So behielten die Liebigbilder bis heute eine besondere Exklusivität und Wertigkeit. Hergestellt wurden die Serien aller Sprachen hauptsächlich in deutschen Kunstdruckanstalten.
Die Motivauswahl der Liebigbilder war enzyklopädisch. Immer abgebildet ist der Fleischextrakt mit dem Schriftzug der Firma Liebig. Was aber ist überhaupt Fleischextrakt? Der Chemiker Justus Liebig hatte in den 1840er Jahren ein Verfahren zum Eindampfen von Fleisch entwickelt, bei dem ein gut konservierbares Konzentrat entstand, das mit Wasser und Salz zu Brühe aufbereitet werden konnte. Damit wurde das Fleisch südamerikanischer Rinderherden für Ernährungszwecke in Europa nutzbar.
Das Produkt war teuer, für ein Kilogramm Extrakt wurden 30 Kilogramm Rindfleisch benötigt. Der Nährwert war anders als erwartet gering, weshalb aus dem Fleischextrakt kein Volksnahrungsmittel wurde. In der bürgerlichen Küche setzte sich Liebigs Fleischextrakt als Geschmacksverstärker trotzdem durch – vor allem: wegen der Bilder! Der Steinguttopf, in den der aus Südamerika verschiffte Extrakt in Antwerpen abgefüllt wurde, ist auf jedem der Liebigbilder zu sehen.
Die Liebigbilder blieben völlig unberührt von den künstlerischen Strömungen ihrer Zeit und stets unverrückbar konventionell. Inhaltlich waren sie aber durchaus offen für Neues. Neue Sportarten wie Skifahren und Bergsteigen wurden zum Thema. Neue Industriezweige wurden bebildert wie die Erdölgewinnung oder die Stahlproduktion. Neue Technik wurde illustriert wie der Schiffs- oder Flugzeugbau. Aufgrund seiner Internationalität erlaubte sich Liebig über zwei Weltkriege hinweg zu keiner Zeit irgendeine politische Tendenz. Der Nationalismus trieb im Sammelbild starke Blüten, doch Liebig blieb neutral. Dass auch die heile Welt der dekorativen Liebigbilder als solche keineswegs wertneutral und unpolitisch war, versteht sich von selbst.
Eigene Sammelalben stellte Liebig nie bereit. Verlage und Buchhändler übernahmen Herstellung und Vertrieb von Blankoalben mit Stanzung für das Einstecken im Hoch- oder Querformat. Schon ab 1890 entstanden auf Sammlerseite Kataloge, Sammlerzeitschriften, Vereine und Händleraktivitäten.

Justus Liebig:
Chemische Untersuchung über das Fleisch und seine Zubereitung zum Nahrungsmittel.
Heidelberg: Winter, 1847.
Justus von Liebig entwickelte in den 1840er Jahren ein Verfahren zur Herstellung von Rindfleischkonzentrat, das insbesondere für diätetische Zwecke zum Einsatz kommen sollte. Daraus machte der Unternehmer Georg Christian Gilbert ab 1862 eine lukrative Geschäftsidee. Er produzierte in Uruguay Fleischextrakt in großen Mengen für den weltweiten Verkauf. Liebigs Name wurde zur Marke.
Die in Heidelberg erschienene Erstveröffentlichung von Liebigs Verfahren ist eine antiquarische Kostbarkeit. Die Badische Landesbibliothek hat dieses Exemplar 1976 in München für 1.100 DM ersteigert.
Badische Landesbibliothek: 76 A 14798

Liebig Company‘s Fleisch-Extract in der bürgerlichen Küche.
Eine Sammlung erprobter und bewährter Recepte. Ihrer Kundschaft gewidmet.
o.O.: Liebig Gesellschaft, ca. 1885.
Zu den Werbemitteln der Firma Liebig gehörten auch Haushaltskalender, Kochbücher und Menükarten, die die Kundenbindung an das Produkt festigen sollten.
In diesem Kochbuch enthalten sind 130 Rezepte für gesunde Esser und im Anhang weitere Rezepte für Krankenkost, die Liebigs ebenfalls in Dosen erhältliches Fleisch-Pepton verwenden sollte.
Badische Landesbibliothek: 124 H 212

Liebig‘s Fleisch-Extract in der bürgerlichen Küche.
Eine Sammlung erprobter und bewährter Recepte. Den Hausfrauen gewidmet.
o.O.: Liebig Gesellschaft, ca. 1910.
Badische Landesbibliothek: 124 H 213

Haushaltungs-Kalender für 1898.
Ihrer Kundschaft gewidmet von der Liebig’s Fleisch-Extract-Compagnie.
Antwerpen: Liebig, [1897].
Auch Liebigs Haushaltungs-Kalender, die seit 1893 der Werbung dienten, enthielten vor allem Kochrezepte.
Badische Landesbibliothek: ZA 13110,1898

Haushaltungs-Kalender 1911.
Ihrer Kundschaft gewidmet von der Liebig Gesellschaft.
[Antwerpen]: [Liebig], [1910].
Dabei entstanden auch sehr dekorative Bändchen im Jugendstil.
Badische Landesbibliothek: ZA 13110,1911

Wirtschaftliche Ernährung.
Hrsg.: Liebig GmbH Köln.
[Köln-Bayenthal]: [Liebig-Ges.], 1927.
Diese Broschüre aus dem Jahr 1927 erklärt die Geschichte und Herstellung des Fleischextrakts, seine Verwendung in fester und flüssiger Form, den ebenfalls erhältlichen Brühwürfel und das mit Extrakt versetzte Selleriesalz. Man erfährt, dass die Weideplätze der Liebig-Gesellschaft in Südamerika eine Fläche von 2,5 Millionen Hektar umfassen, auf denen 500.000 Rinder leben.
Badische Landesbibliothek: 124 H 214

Kochrezepte mit Liebig Fleischextrakt-Erzeugnissen.
Den Hausfrauen als Werbeschrift gewidmet von der Liebig Gesellschaft m. b. H.
Köln-Bayenthal: Liebig-Gesellschaft m.b.H., [ca. 1955].
Das Liebig-Kochbuch überlebte die Liebigbilder in Deutschland, es erschien auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Rezepte wurden dem Zeitgeschmack immer wieder angepasst, ebenso die Ästhetik der Bilder. Auch der Extrakttopf hatte um 1955 einen modernen Ringpull-Verschluss.
Badische Landesbibliothek: 124 E 560

Wie ein Liebigbild entsteht.
[Antwerpen]: Liebig's Company, [1906].
Arnhold/Spielhagen Nr. 696.
Diese Serie aus dem Jahr 1906 illustriert das Herstellungsverfahren der Liebigbilder als Chromolithographie. Sie zeigt:
- den Künstler beim Entwurf
- die Gewinnung der Kalksteinplatten bei Solnhofen
- die Arbeit in der Lithographie
- die Herstellung der Andrucke
- den Druck in der Schnellpresse (hier abgebildet)
- das Schneiden und Verpacken
Badische Landesbibliothek: 121 F 226 R

Liebig-Bilder-Album mit Serien.
Ca. 1910.
Aufgeschlagen:
Serie 499: Fahrradspiele (ital.)
Serie 745: Farbpflanzen (dt.)
In der Ausstellung aufgeschlagen: die beiden Serien Fahrradspiele (1901) in der italienischen Ausgabe und Farbpflanzen (1909) in der deutschen Ausgabe. Die Namen der Liebigbild-Künstler sind in allen Fällen unbekannt.
Badische Landesbibliothek: 121 F 282 R

Extrakttöpfe II.
[Antwerpen]: Liebig's Company, [1890].
Arnhold/Spielhagen Nr. 150.
Die Liebigbilder machten sich in verschiedenen Serien selbst zum Thema. Hier: der große Extrakttopf, den zu kaufen die Firma immer empfahl, weil der Grundpreis pro Mengeneinheit günstiger sei.
- Grosse Erleichterung im Sommer auf dem Lande (hier abgebildet)
- Rasche Hilfe im Haushalt zu jeder Stunde
- Stets fertige Bouillon im Eisenbahnwagon-Restaurant!
- Für Touristen unentbehrlich!
- Eine köstliche Stärkung für Genesende!
- Ein wahres Labsal im Manöver!
Badische Landesbibliothek: 121 F 226 R

Fleischextrakt-Verwendung II.
[Antwerpen]: Liebig's Company, [1903].
Druckerei: Liebich und Kuntze, Leipzig.
Arnhold/Spielhagen Nr. 557.
„Unentbehrlich für Touristen und Sportsleute“: Seit der Jahrhundertwende wurde Fleischextrakt auch in Zinntuben mit 28 g Inhalt angeboten: „Bequem in der Westentasche mitzuführen. Leicht zu handhaben.“ Einfach in siedendes Wasser einrühren:
- Beim Spazierritt
- Radtour
- Picknick
- Sennhütte
- Segelyacht (hier abgebildet)
- Manöver
Badische Landesbibliothek: 121 F 226 R
Die Motive "Radtour", "Picknick" und "Segelyacht" können Sie auch als Briefkartenserie zum Preis von 1,00 EUR pro Karte unter den Bestellbummern K 39/40/41 in unserm Shop erwerben.

Amerikanische Hochhäuser.
[Antwerpen]: Liebig's Company, [1935].
Arnhold/Spielhagen Nr. 1074.
Welchen Eindruck die neue Architektur der Hochhäuser auf die Zeitgenossen machte, kann man hier in einer der späten Bildserien sehen.
- Lincoln-Gebäude in New York
- Shellöl-Gebäude in Chikago
- Presbyterianer-Hospital in New York
- Universitäts-Gebäude zu Pittsburg
- City-Hall in Buffalo
- Rockefeller Center in New York (hier abgebildet)
Mit der 1.138. Serie stellten die Liebigbilder 1940 ihr Erscheinen ein.
Badische Landesbibliothek: 121 F 226 R
Liebigbilder-Kataloge
Liebigbilder-Zeitschriften
- Illustrirte Liebigbilder-Zeitung. Monatsschrift für Interessenten dieses Sammelsports. Hrsg. von F. Dreser. Hamburg: F. Dreser, 1 (1896) – 8 (1903).
Digitalisat der SBPK Berlin - Liebigbilder-Zeitung. Monatsschrift für Interessenten dieses Sammelsports. Hrsg. von F. Dreser. Hamburg: F. Dreser, 9 (1904) – 12 (1909).
Digitalisat der SBPK Berlin
Literatur speziell zu den Liebigbildern
- Robert Lebeck: Liebig’s Sammelkarten. Eine Auswahl von 166 Bildern. Mit einem Nachwort von Gerhard Kaufmann. Dortmund: Harenberg, 1980. (Die bibliophilen Taschenbücher. 148).
124 E 555 - Detlef Lorenz: Liebigbilder. Große Welt im Kleinformat. Berlin: Verein der Freunde des Museums für Deutsche Volkskunde, 1980. (Kleine Schriften der Freunde des Museums für Deutsche Volkskunde. 3).
120 H 1093 - Detlef Lorenz: Sammelbilder / Liebigbilder. In: Christa Pieske: Das ABC des Luxuspapiers. Herstellung, Verarbeitung und Gebrauch 1860–1930. Berlin: Reimer, 1984. S. 232–236.
85 A 4546 - Hans-Jürgen Teuteberg: Die Rolle des Fleischextrakts für die Ernährungswissenschaften und den Aufstieg der Suppenindustrie. Kleine Geschichte der Fleischbrühe. Stuttgart: Steiner, 1990.
90 A 15974 - Fleischextrakt und Große Oper. Die Reklame-Sammelbilder der Liebig-Gesellschaft zu Oper, Operette und Ballett. Gesammelt und erläutert von Detlef Lorenz. Berlin: Lorenz, 1992.
Nicht im BLB-Bestand - Henning Schweer: Popularisierung und Zirkulation von Wissen, Wissenschaft und Technik in visuellen Massenmedien. Eine grundlegende historische Studie am Beispiel der Sammelbilder der Liebig Company und der Stollwerck AG. Diss. Univ. Hamburg 2010.
Zur Online-Publikation - Detlef Lorenz: Goldfüchse für schöne Sachen: Über die soziale Struktur der frühen Liebigbildsammler. In: Arbeitskreis Bild, Druck Papier. Tagungsband Modena 2010. Hrsg von Wolfgang Brückner u.a. Münster u.a.: Waxmann, 2011. S. 48–64.
Nicht im BLB-Bestand - Eckart Sackmann: Bildergeschichten auf Liebig-Sammelbildern. In: Deutsche Comicforschung 8 (2012), S. 14–21.
Nicht im BLB-Bestand - Judith Blume: Wissen und Konsum. Eine Geschichte des Sammelbildalbums 1860–1952. Göttingen: Wallstein Verlag, 2019. S. 87–163: LIEBIG: Bürgerliche Bildenzyklopädie – Die Welt im Album.
119 B 1548
Text: Dr. Julia Freifrau Hiller von Gaertringen
© Badische Landesbibliothek 2025