Der Donaueschinger Wigalois

Der Donaueschinger Wigalois

Bl. 64v: Wigalois und Elamie, die Königin von Tyrus, der er im Kampf gegen den Roten Ritter zu ihrem Recht verholfen hat, reiten mit dem Zwerg nach Roimunt

Mit großzügiger Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Kulturstiftung der Länder, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und der Wüstenrot Stiftung konnte die Badische Landesbibliothek Ende 2018 die ehemals Donaueschinger Wigalois-Handschrift (Cod. Don. 71) erwerben, ein nationales Kulturdenkmal von exzeptionellem Wert. Damit kehrt ein um 1420 in der berühmten Lauber-Werkstatt im oberrheinischen Hagenau produzierter und höchst erzählfreudig illustrierter Artusroman in seinen ursprünglichen Sammlungs- und Überlieferungskontext zurück.

Der Codex in Karlsruhe ist eine von nur zwei Bilderhandschriften des mittelhochdeutschen Wigalois-Romans, der um 1215 entstand und bis in das 15. Jahrhundert hinein außerordentlich beliebt war. 39 Textzeugen aus drei Jahrhunderten sind erhalten, damit ist der „Wigalois“ nach dem „Parzival“ Wolframs von Eschenbach der am häufigsten überlieferte deutsche Artusroman des Mittelalters. Die Handschrift befand sich bis 1990 in der Fürstlich Fürstenbergischen Bibliothek in Donaueschingen und wurde dann als Einzelstück veräußert, so dass sie beim Ankauf der Donaueschinger Handschriftensammlung für das Land Baden-Württemberg im Jahr 1993 nicht mehr vorhanden war. Nun nimmt „Herwigelis“ – wie der Titelheld im Roman genannt wird – im Regal seinen angestammten Platz neben dem Gralsritter Parzival wieder ein.

 

Bl. 82r: Wigalois ist in Roimunt angekommen und legt mit Hilfe der Dienerin Nereja im Garten seine Rüstung ab

Stimmen der Förderer

Kulturstaatsministerin Prof. Monika Grütters hat sich gern für den Kauf der Handschrift engagiert: „Die Donaueschinger Wigalois-Handschrift nimmt nicht nur in der deutschen Kunst- und Kulturgeschichte eine herausragende Stellung ein. Sie ist auch für das europäische Kulturerbe von außergewöhnlicher Bedeutung. Es ist ein schöner Erfolg, dass es uns – auch mit der Bereitstellung erheblicher Bundesmittel – gelungen ist, diese einzigartige deutschsprachige Bilderhandschrift des Mittelalters für die Badische Landesbibliothek Karlsruhe zu erwerben. Damit findet dieses wertvolle Kulturerbe in seinen ursprünglichen Sammlungs- und Überlieferungskontext zurück.“

Dr. Martin Hoernes, Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung, freut sich: „Der Erwerb des bedeutenden und illustrierten Artusromans steht exemplarisch für die Fördertradition der Ernst von Siemens Kunststiftung: Dank des Vermächtnisses unseres Gründers und Mitteln der Siemens AG konnte ein einzelne Institutionen überfordernder Jahrhundertankauf abgeschlossen werden. Die wertvolle Handschrift von nationalem Rang kann nun in die Nähe ihres Entstehungsortes und an die Öffentlichkeit zurückkehren.“

Prof. Dr. Frank Druffner, Stv. Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder, ergänzt: „Bei dieser Handschrift handelt es sich um eine Rarität, die eine zentrale Station der deutschen, mithin der europäischen Kulturgeschichte dokumentiert. Denn sie stammt aus einer Werkstatt, die Klassiker-Ausgaben auf Vorrat produzierte und somit das Verlagswesen der Buchdruck-Epoche vorwegnahm. Mit der Erwerbung kehrt sie zurück in die Region, aus der sie stammt, und in eine Sammlung, deren Teil sie war. Damit steht sie nach mehr als 25 Jahren wieder der kunsthistorischen, kulturhistorischen, literaturwissenschaftlichen und bildungsgeschichtlichen Forschung zur Verfügung, für die sie von außerordentlichem Wert ist.“

Prof. Philip Kurz, Geschäftsführer der Wüstenrot Stiftung, hat sich von der großen Seltenheit des Angebots deutschsprachiger Handschriften des Mittelalters im Generellen und der besonderen Rarität überlieferter weltlich-literarischer Texte mit Illustrationen im Speziellen für ein Engagement seiner Stiftung begeistern lassen: „Mit der gemeinsamen Erwerbung der prächtig bebilderten Wigalois-Handschrift ist herausragendes kulturelles Erbe wieder nach Baden-Württemberg zurückgeholt worden. Unter besten Bedingungen steht der Wigalois in der Badischen Landesbibliothek für Forschung und Öffentlichkeit endlich wieder zur Verfügung.“