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Der Donaueschinger Wigalois
Der Donaueschinger Wigalois

Der Donaueschinger Wigalois

Bl. 64v: Wigalois und Elamie, die Königin von Tyrus, der er im Kampf gegen den Roten Ritter zu ihrem Recht verholfen hat, reiten mit dem Zwerg nach Roimunt

Mit großzügiger Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Kulturstiftung der Länder, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und der Wüstenrot Stiftung konnte die Badische Landesbibliothek Ende 2018 die ehemals Donaueschinger Wigalois-Handschrift (Cod. Don. 71) erwerben, ein nationales Kulturdenkmal von exzeptionellem Wert. Damit kehrt ein um 1420 in der berühmten Lauber-Werkstatt im oberrheinischen Hagenau produzierter und höchst erzählfreudig illustrierter Artusroman in seinen ursprünglichen Sammlungs- und Überlieferungskontext zurück.

Die Handschrift wird am 24. Januar 2019 der Öffentlichkeit vorgestellt. Zur Präsentation um 16.00 Uhr laden wir herzlich ein. Die Vertreter der Förderinstitutionen sind anwesend. Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg ist durch Frau Staatssekretärin Petra Olschwowski vertreten. Bitte melden Sie sich unter sekretariat@blb-karlsruhe.de an, damit wir Überblick über die erforderliche Anzahl an Sitzplätzen gewinnen und Ihnen entsprechend Rückmeldung geben können.

Weitere Informationen zur Handschrift finden Sie dann auf dieser Webseite. Das Digitalisat der Handschrift wird in den Digitalen Sammlungen der Badischen Landesbibliothek zur Nutzung verfügbar sein. Der BLB-Shop bietet Briefkarten mit Bildmotiven der Handschrift an.

Um das Jahr 1215 erzählte der fränkische Dichter Wirnt von Grafenberg in diesem mittelhochdeutschen Versroman die Geschichte des Titelhelden Wigalois, der am Hof des Königs Artus zum Ritter ausgebildet wird. Von dort bricht er auf, um das Reich Korntin von seinem Usurpator Roaz zu befreien und seiner rechtmäßigen Königin Larie zurückzugeben.

Die Handschrift entstand um 1420 im elsässischen Hagenau. Hier produzierten Schreiber und Illustratoren repräsentative „Klassiker-Ausgaben“ der deutschen Literatur auf Vorrat für einen Käufermarkt. Daraus entwickelte sich die Werkstatt des Diebold Lauber als großes kommerzielles Unternehmen, das zwischen 1427 und 1471 nachweisbar ist und erst zu Beginn der Buchdruck-Ära einging. In zwei seiner Bücheranzeigen wird unter den lieferbaren Handschriften ein bebilderter „Wigalois“ aufgeführt.

Die herausragende kunst- und kulturhistorische Bedeutung der Handschrift gründet auf ihrer lebhaften Illustration, die den Text visualisiert und aufschlussreich interpretiert. Enthalten sind 30 (von ehemals 31) halb- bis ganzseitige farbige Federzeichnungen von der Hand eines einzigen Zeichners in Grün-, Rot-, Gelb- und Brauntönen, die die Geschichte schwungvoll und vergnügt in Szene setzen.

Die Hagenauer Schreibwerkstatt, berühmt für die hohe Qualität ihrer Handschriften in Bildausstattung und Textbeschaffenheit, hat wesentlichen Anteil an der Überlieferung jener literarischen Texte des Hochmittelalters, die im 15. Jahrhundert in verändertem gesellschaftlichem Kontext noch einmal neu und anders rezipiert wurden. Käufer eines Artusromans von kanonischem Rang vergewisserten sich durch den Besitz einer solchen Handschrift der ideellen Teilhabe am überlieferten ritterlichen Ethos und daraus folgend des Anspruchs auf eine führende gesellschaftliche Stellung.

Bl. 82r: Wigalois ist in Roimunt angekommen und legt mit Hilfe der Dienerin Nereja im Garten seine Rüstung ab

Die Handschrift fand wahrscheinlich schon im 15. Jahrhundert einen adligen Käufer am Oberrhein. Sie gehörte im 18. Jahrhundert zum Grundstock der berühmten Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek in Donaueschingen. Seit der Erwerbung der Donaueschinger Handschriftensammlung durch das Land Baden-Württemberg 1993 war es Ziel, den vorab in Privatbesitz verkauften Codex für die Sammlung zurückzugewinnen. Er hat nun seinen angestammten Platz neben dem „Parzival“ Wolframs von Eschenbach wieder eingenommen.

Die Badische Landesbibliothek ist ihren Förderern unendlich dankbar, dass sie die Rückkehr der Handschrift in ihren ursprünglichen Sammlungs- und Überlieferungszusammenhang ermöglicht haben.

Bl. 101v: Wigalois trägt seinen mit dem Glücksrad geschmückten Helm und besiegt den Drachen Pfetan, der das Königreich Korntin in Schrecken gehalten hat

Kulturstaatsministerin Prof. Monika Grütters hat sich gern für den Kauf der Handschrift engagiert: „Die Donaueschinger Wigalois-Handschrift nimmt nicht nur in der deutschen Kunst- und Kulturgeschichte eine herausragende Stellung ein. Sie ist auch für das europäische Kulturerbe von außergewöhnlicher Bedeutung. Es ist ein schöner Erfolg, dass es uns – auch mit der Bereitstellung erheblicher Bundesmittel – gelungen ist, diese einzigartige deutschsprachige Bilderhandschrift des Mittelalters für die Badische Landesbibliothek Karlsruhe zu erwerben. Damit findet dieses wertvolle Kulturerbe in seinen ursprünglichen Sammlungs- und Überlieferungskontext zurück.“

Dr. Martin Hoernes, Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung, freut sich: „Der Erwerb des bedeutenden und illustrierten Artusromans steht exemplarisch für die Fördertradition der Ernst von Siemens Kunststiftung: Dank des Vermächtnisses unseres Gründers und Mitteln der Siemens AG konnte ein einzelne Institutionen überfordernder Jahrhundertankauf abgeschlossen werden. Die wertvolle Handschrift von nationalem Rang kann nun in die Nähe ihres Entstehungsortes und an die Öffentlichkeit zurückkehren.“

Prof. Dr. Frank Druffner, Stv. Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder, ergänzt: „Bei dieser Handschrift handelt es sich um eine Rarität, die eine zentrale Station der deutschen, mithin der europäischen Kulturgeschichte dokumentiert. Denn sie stammt aus einer Werkstatt, die Klassiker-Ausgaben auf Vorrat produzierte und somit das Verlagswesen der Buchdruck-Epoche vorwegnahm. Mit der Erwerbung kehrt sie zurück in die Region, aus der sie stammt, und in eine Sammlung, deren Teil sie war. Damit steht sie nach mehr als 25 Jahren wieder der kunsthistorischen, kulturhistorischen, literaturwissenschaftlichen und bildungsgeschichtlichen Forschung zur Verfügung, für die sie von außerordentlichem Wert ist.“

Prof. Philip Kurz, Geschäftsführer der Wüstenrot Stiftung, hat sich von der großen Seltenheit des Angebots deutschsprachiger Handschriften des Mittelalters im Generellen und der besonderen Rarität überlieferter weltlich-literarischer Texte mit Illustrationen im Speziellen für ein Engagement seiner Stiftung begeistern lassen: „Mit der gemeinsamen Erwerbung der prächtig bebilderten Wigalois-Handschrift ist herausragendes kulturelles Erbe wieder nach Baden-Württemberg zurückgeholt worden. Unter besten Bedingungen steht der Wigalois in der Badischen Landesbibliothek für Forschung und Öffentlichkeit endlich wieder zur Verfügung.“